Das Pyoderma gangraenosum (Synonym: Dermatitis ulcerosa) ist eine schwere, chronisch verlaufende, herdförmige Hautgangrän unbekannter Ursache — wahrscheinlich Folge einer hyperergen Reaktion — mit häufigen Beziehungen zu inneren Erkrankungen (u. a. Autoimmunerkrankungen, malignen hämatologischen Erkrankungen, Dys- und Paraproteinämien, entzündlichen und nicht-entzündlichen Darmerkrankungen, hyperergen Gefäßerkrankungen). Es handelt sich nosologisch nicht um eine Pyodermie, sondern um eine nekrotisierende leukozytoklastische Vaskulitis. Häufig finden sich eine gestörte zelluläre Immunität (Anergie gegen Recall-Antigene, gestörte Balance zwischen T-Helfer- und T-Suppressor-Lymphozyten), eine Beeinträchtigung der Granulozyten- und Monozytenfunktion sowie monoklonale Gammopathien vom IgA-, IgG- und IgM-Typ. Der Krankheitsbeginn reicht von perakut bis langsam progredient; unbehandelt verläuft die Erkrankung über Jahre progredient, ohne Spontanheilung. Es handelt sich um eine relativ seltene Erkrankung mit meist nur sporadischen Fällen.
Wann ist die HBO bei Pyoderma gangraenosum sinnvoll?
Der Einsatz der hyperbaren Sauerstofftherapie (HBO) ist nach den Qualitätsstandards der GTÜM e.V. und des VDD e.V. in folgenden Fällen sinnvoll:
- als adjuvante Anwendung zusätzlich zur immunsuppressiven Basisbehandlung
- bei adäquater Behandlung der internistischen Begleiterkrankungen
- bei eventueller bakterieller Superinfektion
Übliche, anerkannte Therapiemaßnahmen ohne HBO sind eine immunsuppressive Therapie mit Glukokortikoiden, Azathioprin, DADPS, Colchizin, Clofazimin oder Ciclosporin, ergänzt durch eine äußerliche Ulkustherapie mit Hydrokolloidverbänden unter Beachtung einer möglichen bakteriellen Superinfektion; die internistischen Begleiterkrankungen müssen adäquat mitbehandelt werden.
Therapeutischer Nutzen der HBO
Es liegt eine Reihe von Berichten über die erfolgreiche Behandlung des Pyoderma gangraenosum mit HBO vor, bei Patienten, die zuvor auf eine immunsuppressive Standardtherapie nicht oder nur unzureichend angesprochen hatten. Bemerkenswert sind dabei die Geschwindigkeit der Abheilung, das rasche Erreichen von Schmerzfreiheit nach Einleitung der HBO-Therapie sowie die Größenreduktion entstellender Narbenplatten. Die HBO kann auch dann noch erfolgreich eingesetzt werden, wenn die immunsuppressive medikamentöse Therapie nicht wirkt oder wegen Kontraindikationen bzw. eingetretener Komplikationen nicht möglich ist.
Für die auf Entzündung beruhenden Pathomechanismen liegen aufgrund klinischer und experimenteller Untersuchungen gesicherte Erkenntnisse zur Wirkung der HBO vor: Beeinflussung der Entzündung durch Zellaktivierung, Normalisierung der Funktion der Entzündungszellen, antimikrobielle Wirkung, Stoffwechselminderung durch Sauerstoffmangel, Ödemreduktion sowie unterstützte Wundheilung bei Reperfusionsschäden. Möglicherweise spielen auch immunmodulierende Effekte der HBO bei immunologisch vermittelten Ulzera eine Rolle — bemerkenswerterweise wurde HBO auch erfolgreich bei zunächst therapierefraktären perianalen Morbus-Crohn-Läsionen eingesetzt, einer Erkrankung, die mit dem Pyoderma gangraenosum assoziiert vorkommen kann. Unter HBO ist im Tiermodell zudem eine reduzierte Proliferationsrate von T-Lymphozyten sowie eine verbesserte Granulozytenfunktion beschrieben.
Die Empfehlung zur adjuvanten Therapie des Pyoderma gangraenosum mit HBO hat bereits Eingang in international anerkannte dermatologische Standardlehrbücher gefunden (Rook/Wilkinson/Ebling, Textbook of Dermatology, Blackwell, 1992), mit explizitem Hinweis auf die rasche Abheilung des oft schwer therapierbaren Krankheitsbildes und die Schmerzreduktion unter dieser Therapie.
Wirtschaftlichkeit
Angesichts niedriger Fallzahlen lassen sich die durch eine adjuvante HBO-Therapie bei Pyoderma gangraenosum erzielbaren Kosteneinsparungen bislang nicht verlässlich beziffern. Durch die adjuvante Therapie kann das Pyoderma gangraenosum jedoch rascher zur Abheilung gebracht und eine stationäre Behandlung oftmals vermieden oder verkürzt werden — im Einzelfall ergibt sich daraus ein nicht geringes Einsparpotenzial.
