Von einer chronischen Wunde oder Wundheilungsstörung spricht man, wenn eine Wunde auch nach mehreren Wochen angemessener Behandlung nicht abheilt; der VDD-Patientenflyer nennt als Richtwert Beschwerden, die länger als 30 Tage andauern. Häufig ist eine Durchblutungsstörung die Ursache. Zeigt eine Sauerstoffmessung am Wundrand, dass sich der Sauerstoffmangel durch Sauerstoffatmung ausgleichen lässt, kann die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) die Wundbehandlung ergänzen. Ob sie in Ihrem Fall infrage kommt, klärt ein ärztliches Gespräch.
Was ist eine chronische Wunde?
Für die Heilung einer Wunde ist eine Vielzahl fein regulierter Vorgänge im geschädigten Gewebe nötig: Verschmutzungen und Infektionen müssen wirkungsvoll bekämpft werden, die Entzündung muss aber auch rechtzeitig wieder abklingen, damit sich das Bindegewebe regenerieren kann. Für viele dieser Schritte ist eine ausreichende Versorgung mit Sauerstoff nötig.
Ein gewisses Maß an Sauerstoffunterversorgung im Wundgebiet ist normal; das Gefälle zwischen gut versorgtem Wundrand und sauerstoffarmem Wundgrund ist für den Beginn der Heilung sogar förderlich. Ein zu ausgeprägter Sauerstoffmangel verhindert jedoch die Wundheilung und führt zu häufigeren Wundinfektionen. Können die natürlichen Heilungsvorgänge nicht ungestört ablaufen und heilt eine Wunde auch nach mehreren Wochen angemessener Behandlung nicht ab, spricht man von einer chronischen Wunde.
Ursachen und Formen chronischer Wunden
Schlecht heilende Problemwunden beruhen auf sehr unterschiedlichen Ursachen: Mangeldurchblutung, Zuckerkrankheit, Bestrahlungen oder Infektionen. Gemeinsam ist chronischen Wunden, dass Haut und Gewebe ungenügend mit Sauerstoff versorgt werden. Zu den Wunden, bei denen die HBO ergänzend eingesetzt wird, gehören:
- Wunden beim diabetischen Fußsyndrom – infolge von Durchblutungsstörungen und Nervenschäden bei Diabetes mellitus. Ausführlich auf der Seite Diabetisches Fußsyndrom.
- Wunden bei arterieller Verschlusskrankheit (AVK) – Einengungen auch der großen Blutgefäße mindern die Sauerstoffversorgung vor allem in den Beinen. Folgen können eine verkürzte Gehstrecke („Schaufensterkrankheit“), kalte Füße, Schmerzen und im weiteren Verlauf Geschwüre und Gewebszerstörungen (Nekrosen) sein.
- Wunden und Gewebeschäden nach einer Strahlentherapie – siehe Bestrahlungsspätfolgen.
- Wundheilungsstörungen nach Operationen und gefährdete Haut- oder Muskeltransplantate, etwa in stark vernarbten oder bestrahlten Bereichen – siehe HBO in der Plastischen Chirurgie.
- Ausgedehnte oder tiefgehende Weichteilschäden (Crush-Verletzung, Kompartmentsyndrom).
- Infizierte Wunden, bei denen Antibiotika und Chirurgie allein nicht ausreichen – siehe Therapieresistente Infektionen sowie Pyoderma gangraenosum.
Reicht eine Entzündung bis in den Knochen, ist die Seite Osteomyelitis die richtige Anlaufstelle.
Wann kommt die HBO bei chronischen Wunden infrage?
Der VDD führt chronische, nicht heilende Wunden unter den Anwendungsgebieten, die von der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) und der European Underwater and Baromedical Society (EUBS) empfohlen werden. Die HBO ergänzt die Wundbehandlung, sie ersetzt sie nicht:
- Basisbehandlung: Zunächst wird die Wunde durch einen Facharzt oder ein Wundzentrum behandelt. Bei fortschreitender Entzündung werden Antibiotika eingesetzt und abgestorbenes Gewebe chirurgisch entfernt; spezielle Wundverbände unterstützen den Heilungsprozess. Zur Basisversorgung gehören je nach Ursache auch professionelle Fußpflege, druckentlastende orthopädische Maßnahmen und gegebenenfalls die Behandlung durch Gefäßchirurgen.
- Durchblutung der großen Gefäße: Die HBO kann den Sauerstoffmangel nur ausgleichen, wenn die großen Blutgefäße intakt sind. Bei einer arteriellen Verschlusskrankheit werden Engstellen deshalb zuerst operativ oder per Katheter behandelt; danach kann die HBO bei positiver Sauerstoffmessung die Neubildung kleiner Blutgefäße unterstützen.
- Sauerstoffmessung vor Behandlungsbeginn: Voraussetzung ist der Nachweis eines Sauerstoffmangels im Wundgebiet und die Möglichkeit, ihn durch Sauerstoffatmung auszugleichen. Das prüfen die Druckkammerzentren vor einer Behandlung von Heilungsstörungen standardmäßig mit einer Sauerstoffpartialdruckmessung am Wundrand (auch „Sauerstoff-Mapping“), schmerzfrei mit speziellen Sonden. Zeigt die Messung einen ausreichenden Anstieg bei Sauerstoffatmung, kommt eine HBO infrage.
- Zeitpunkt: Heilt eine Wunde nach 30 Tagen nicht, soll nach Empfehlung des VDD die Möglichkeit einer HBO durch diese Messung geklärt und die Therapie gegebenenfalls kurzfristig begonnen werden.
Wenn Sie an einer schlecht heilenden Wunde leiden und die laufende Behandlung mit HBO ergänzen möchten, können Sie sich mit einem Befundbericht Ihres behandelnden Arztes in einem Druckkammerzentrum vorstellen. Gegenanzeigen und mögliche Nebenwirkungen beschreibt die Seite Risiken und Nebenwirkungen.
Wie wirkt die HBO bei Wundheilungsstörungen?
In der Druckkammer atmen Sie über eine Atemmaske medizinisch reinen Sauerstoff unter Überdruck. Dadurch wird wesentlich mehr Sauerstoff im Blut gelöst und gelangt tiefer ins Gewebe. Die HBO wird seit den frühen 1970er-Jahren zur Besserung der Wundheilung eingesetzt. Der VDD beschreibt folgende Effekte:
- Sauerstoff verbessert die Abwehrfunktion der weißen Blutkörperchen und stärkt Enzymsysteme, die Bakterien abtöten.
- Die Zellen, die das Bindegewebe bilden (Fibroblasten), haben bei erhöhtem Sauerstoffdruck ihre höchste Aktivität.
- Die bindegewebigen Fasern vernetzen sich am besten unter erhöhtem Sauerstoffgehalt im Wundbereich.
- Neue Blutgefäße können nur bei ausreichend hohem Sauerstoffteildruck am Wundrand gebildet werden.
- Durch den Wechsel von Sauerstoffmangel und Sauerstoffüberversorgung wird die Reifung der neu gebildeten Gewebe und Gefäße beschleunigt.
Mehr zu den Wirkprinzipien steht auf der Seite Wirkungsweise der HBO.
Ablauf und Anzahl der Behandlungen
Nach dem VDD-Flyer zu chronischen Wunden (10/2015) erfolgt die Behandlung an aufeinanderfolgenden Tagen und dauert jeweils etwa 2,5 Stunden. Bei chronischen Wunden oder diabetischem Fußsyndrom sind zwischen 20 und 40 Behandlungen vorgesehen. Mit Klebesonden in der Wundumgebung wird überprüft, wie sich der Sauerstoff während der Behandlung im Gewebe anreichert. Neben der HBO wird die Wundbehandlung durch Ihren Facharzt oder ein Wundzentrum fortgesetzt; dafür ist die enge Zusammenarbeit zwischen Ihnen, dem Wundversorger und dem Druckkammerzentrum nötig. Den Ablauf einer Sitzung beschreibt die Seite Behandlungsablauf.
Kosten
Beim diabetischen Fußsyndrom ist die HBO seit einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom 21.09.2017 ab dem Wagner-Stadium II auch ambulant eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, wenn Standardtherapien ohne Erfolg geblieben sind; Einzelheiten auf der Seite Diabetisches Fußsyndrom. Bei anderen chronischen Wunden können gesetzliche Krankenkassen die Kosten nur im Einzelfall nach individueller Prüfung übernehmen; die Kostenübernahme sollte vorab geklärt werden. Private Krankenversicherungen und Beihilfestellen entscheiden nach den individuellen Bedürfnissen der Versicherten; Kostenübernahmen auf Basis der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sind hier nach Angaben des VDD die Regel. Mehr unter Kosten der HBO-Therapie.
Weitere Informationen und Downloads
- VDD-Patientenflyer: Chronische Wunden bei Diabetes mellitus, Diabetisches Fußsyndrom – Hyperbare Sauerstofftherapie (10/2015)
- Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) im Therapiekonzept der Plastischen Chirurgie – Informationen für Ärzte
- Crush-Verletzungen – Fachinformation für Ärzte
Quellen
- VDD-Patientenflyer „Chronische Wunden bei Diabetes mellitus, Diabetisches Fußsyndrom – Hyperbare Sauerstofftherapie“, 10/2015 (PDF unter „Weitere Informationen und Downloads“).
- VDD-Patientenbroschüre „Chronische Wunden bei Diabetes mellitus und arterieller Verschlusskrankheit. Eine Information für Betroffene“. Verfasser: Dr. med. Jens-Peter Weber, Freiburg. Stand Januar 2006.
- VDD: Indikationen zur HBO-Therapie nach den Empfehlungen der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) und der European Underwater and Baromedical Society (EUBS), Indikationsliste der bisherigen VDD-Website (Stand 2019).
