Eine nicht heilende (chronische) Entzündung des Knochens heißt Osteitis, eine Entzündung des Knochenmarks Osteomyelitis. Bleibt eine solche Knochenentzündung trotz Operation und Antibiotika bestehen oder kehrt sie wieder, sprechen Ärztinnen und Ärzte von einer chronischen, therapierefraktären Osteomyelitis. Dann kann die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) ergänzend zur Standardbehandlung eingesetzt werden. Ob sie in Ihrem Fall infrage kommt, klärt ein ärztliches Gespräch.
Was ist eine Osteomyelitis?
Der Begriff Osteomyelitis umfasst Infektionen des Knochengewebes. Erreger gelangen entweder über die Blutbahn in den Knochen oder direkt – bei einer offenen Knochenverletzung oder wenn der Knochen bei einer Operation freigelegt wird. Bei Erwachsenen stehen Knochenentzündungen nach Verletzungen im Vordergrund: Offene Knochenbrüche sind besonders gefährdet, aber auch jede operative Versorgung eines Bruchs (Osteosynthese) birgt das Risiko einer Osteitis. Als Erreger wird am häufigsten Staphylococcus aureus nachgewiesen.
Bei einer chronischen Knochenentzündung ist meist eine mangelhafte Durchblutung des Knochengewebes eine der Ursachen. Mischinfektionen des Knochens gepaart mit Mangeldurchblutung lassen Antibiotika häufig erfolglos bleiben.
Osteomyelitis am Kiefer
Auch nach einer Zahnextraktion kann sich der Kieferknochen entzünden, oder es kommt zu Knochenschwund und Knochenfisteln. Knochenschäden am Kiefer nach einer Strahlentherapie (Osteoradionekrose, Radioosteitis) sind auf der Seite Bestrahlungsspätfolgen beschrieben.
Osteomyelitis des Brustbeins (Sternum) nach Herzoperationen
Eine Wundinfektion des Brustbeins nach herzchirurgischen Eingriffen gilt als ernste Komplikation. Breitet sich die Entzündung in den Raum zwischen den Lungenflügeln (Mediastinum) aus, können eingebrachte Implantate oder Gefäßverbindungen betroffen sein. Als begünstigende Faktoren nennt das VDD-Therapiekonzept unter anderem chronische Lungen- und Bronchialerkrankungen, bei denen wiederholtes Husten die Operationswunde belastet, und die Entnahme der inneren Brustwandarterie (A. mammaria interna) für einen Bypass, die die Durchblutung des Brustbeins mindern kann.
Symptome und Verlauf
Betroffene leiden oft unter starken Schmerzen, etwa Brennen und Stechen in den Knochen, und haben zum Teil keine Kontrolle mehr über die erkrankten Gliedmaßen.
Von einer chronischen, therapierefraktären Osteomyelitis spricht man, wenn die Infektion trotz angemessener Behandlung bestehen bleibt oder wiederkehrt. Der Verlauf kann sich über Monate und Jahre erstrecken. Auch wenn die Entzündungszeichen verschwinden, gilt die Erkrankung nicht sicher als ausgeheilt, weil sie lebenslang wiederkehren kann.
Wie wird eine chronische Osteomyelitis behandelt?
Die Standardbehandlung besteht aus Antibiotika, der chirurgischen Entfernung abgestorbenen Gewebes (Debridement) und wiederherstellenden Operationen. Häufig wird dabei der Knochen geöffnet, entzündete Stellen und Knochensplitter werden entfernt und Antibiotika-Ketten eingesetzt. Doch nicht immer schlagen die Antibiotika an, oder die Schmerzen kehren nach einiger Zeit zurück.
Die HBO ersetzt diese Behandlung nicht. Sie wird begleitend zu medikamentösen und operativen Maßnahmen eingesetzt, in enger Zusammenarbeit mit dem weiterbehandelnden Chirurgen. Eine MDK-Projektgruppe hielt 1999 fest: „In der Behandlung der chronischen Osteomyelitis ersetzt die HBO weder das chirurgische Debridement noch die Antibiose.“
Wann kommt die HBO bei Osteomyelitis infrage?
Nach den Qualitätsstandards der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) und des VDD, wie sie das VDD-Therapiekonzept wiedergibt, ist der Einsatz der HBO sinnvoll
- bei chronisch-therapierefraktärer Osteomyelitis der Röhrenknochen als ergänzende Behandlung, wenn die Entzündung trotz sechs Wochen angemessener Antibiotikabehandlung und mindestens einem Versuch der operativen Sanierung fortbesteht,
- als ergänzende Maßnahme bei Patientinnen und Patienten mit örtlich oder allgemein geschwächter Abwehrlage,
- bei Infektionen des Brustbeins (Sternum) und des Schädels generell, auch im akuten Stadium, als ergänzende Behandlung.
Die Jury der 1. Europäischen Konsensuskonferenz zur Hyperbarmedizin (ECHM, Lille 1994) empfahl die HBO bei chronisch therapierefraktärer Osteomyelitis – definiert als Knochenentzündung, die länger als sechs Wochen nach angemessener Antibiotikatherapie und mindestens einer Operation fortbesteht – sowie bei Osteomyelitis von Brustbein und Schädel.
Spätestens vor einer geplanten Amputation ist nach dem VDD-Therapiekonzept eine ergänzende HBO zu überlegen. Antibiotika und die chirurgische Entfernung abgestorbenen Gewebes werden dabei fortgesetzt.
Vor der Behandlung prüft das Druckkammerzentrum, ob die HBO im Einzelfall infrage kommt. Bei einer Infektion des Brustbeins nach einer Herzoperation wird zuvor die Herz-Kreislauf-Situation umfassend beurteilt. Solche Patientinnen und Patienten werden in Druckkammern behandelt, die für Intensivüberwachung und -therapie ausgestattet sind, nicht in Einpersonenkammern. Allgemeine Informationen zu Gegenanzeigen und möglichen Nebenwirkungen finden Sie unter Risiken und Nebenwirkungen.
Wie wirkt die HBO bei chronischer Osteomyelitis?
Ziel ist es, einen Teufelskreis (Circulus vitiosus) zu durchbrechen, der die zunehmende Infektion antreibt: Schwellung → Durchblutungsminderung → erhöhter Sauerstoffverbrauch → Sauerstoffmangel im Gewebe (Hypoxie) → ausbleibende Bildung von Sauerstoffradikalen → verminderte Aktivität der Fresszellen (Phagozyten) → weitere Ausbreitung der Infektion → erneute Schwellung. Der Ansatz geht davon aus, dass bei diesen Infektionen typischerweise ein örtlicher Sauerstoffmangel im Vordergrund steht.
Der HBO-Einsatz stützt sich laut VDD-Therapiekonzept vor allem auf folgende Wirkmechanismen, die in experimentellen und tierexperimentellen Versuchen sowie in klinischen Beobachtungen beschrieben wurden:
- Verringerung entzündungsbedingter Schwellungen (antiödematöse Wirkung)
- Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes durch gesteigerte Verformbarkeit der roten Blutkörperchen
- Verbesserung der Sauerstoffversorgung des entzündeten Gewebes
- Steigerung der zellulären Infektabwehr
- Verbesserte Wirksamkeit bestimmter Antibiotika
- Neubildung von Blutgefäßen (Neoangiogenese)
- Förderung der Knochenheilung
Die MDK-Projektgruppe bewertete 1999: „Die Rationale der HBO ist in mehrerlei Hinsicht schlüssig und orientiert sich an den Pathomechanismen der Infektion. Sie wird durch zahlreiche invitro- und invivo-Untersuchungen gestützt und ist in einzelnen Punkten auch durch klinische Resultate belegt.“ Mehr zu Infektionen, bei denen die HBO ergänzend eingesetzt wird, steht auf der Seite Therapieresistente Infektionen.
Ablauf und Anzahl der Behandlungen
Gemeinsam mit Ihrem Arzt erarbeitet der HBO-Arzt ein auf Ihre Beschwerden abgestimmtes Behandlungsprogramm. Für die Regeneration von Zellen, Kapillaren und Gewebe braucht der Körper Zeit; in der Regel sind 20 bis 30 Behandlungen vorgesehen. Vor Therapiebeginn können MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) helfen, die Aussichten der Behandlung einzuschätzen. Wie eine Sitzung in der Druckkammer abläuft, beschreibt die Seite Behandlungsablauf.
Kosten
Als ambulante Kassenleistung ist die HBO derzeit nur beim diabetischen Fußsyndrom geregelt. Bei anderen Erkrankungen können gesetzliche Krankenkassen die Kosten nur im Einzelfall nach individueller Prüfung übernehmen; die Kostenübernahme sollte deshalb vorab geklärt werden. Private Krankenversicherungen, Beihilfe und Berufsgenossenschaften erstatten die Kosten je nach Art und Dauer der Erkrankung in der Regel. Einzelheiten finden Sie unter Kosten der HBO-Therapie; ein Druckkammerzentrum in Ihrer Nähe hilft bei Fragen zur Kostenübernahme.
Weitere Informationen und Downloads
- Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) im Therapiekonzept bei Osteitis und Osteomyelitis – Informationen für Ärzte
- Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) im Therapiekonzept bei Sternum-Osteomyelitis – Informationen für Ärzte
- Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) im Therapiekonzept bei therapieresistenten Infektionen – Informationen für Ärzte
- Übersicht: Knochen- und Knochenmarkerkrankungen
- Diabetisches Fußsyndrom
Quellen
- VDD: Die Hyperbare Sauerstofftherapie im Therapiekonzept von Ostitis / Osteomyelitis in Druckkammerzentren des VDD e.V. Autor: Dr. med. Christian Heiden. Stand 12/2011 (PDF unter „Weitere Informationen und Downloads“).
- VDD: Die Hyperbare Sauerstofftherapie im Therapiekonzept von Ostitis / Osteomyelitis des Sternums nach thoraxchirurgischen Eingriffen. Zusammenstellung von Informationen für Ärzte. Autor: Dr. med. Christian Heiden (PDF unter „Weitere Informationen und Downloads“).
- European Committee for Hyperbaric Medicine (ECHM): 1st European Consensus Conference on Hyperbaric Medicine, Lille, 19.–21.09.1994, Empfehlungen der Jury (zitiert nach dem VDD-Therapiekonzept Sternum-Osteomyelitis).
- MDK-Projektgruppe P 17 „Hyperbare Sauerstofftherapie“, April 1999 (zitiert nach dem VDD-Therapiekonzept Ostitis / Osteomyelitis).
