Beim Knochenmarködem (KMÖ) bzw. Knochenmarködemsyndrom (KMÖS) kommt es zu einer vermehrten Wasseransammlung und Drucksteigerung im Knochen, die sich in der Kernspintomographie (MRT) darstellen lässt. Betroffen sind zum Beispiel Knie, Hüfte, Schulter, Fußwurzel und das Sprungbein (Talus) im Sprunggelenk. Führen Schonung, Entlastung, physikalische und medikamentöse Behandlung zu keiner ausreichenden Linderung, kann die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) ergänzend eingesetzt werden. Ob sie in Ihrem Fall infrage kommt, klärt ein ärztliches Gespräch.
Was ist ein Knochenmarködem?
Ein Ödem ist eine Flüssigkeitsansammlung im Gewebe. Beim Knochenmarködem sammelt sich die Flüssigkeit im Knochenmark, der Druck im Knochen steigt. Betroffene leiden unter heftigen, therapieresistenten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen in den betroffenen Gelenken. Typisch ist ein mechanischer Belastungsschmerz in Verbindung mit einem quälenden, dumpfen Dauerschmerz, der auch in Ruhe anhält.
Die Drucksteigerung im Knochen wirkt ähnlich wie ein örtliches Kompartmentsyndrom: Wird ein kritischer Punkt überschritten, kann es zu Durchblutungsstörungen und in der Folge zum Absterben von Knochengewebe kommen, einer aseptischen Knochennekrose. In der Stadieneinteilung der aseptischen Knochennekrose nach ARCO entspricht das Stadium 1 einem Knochenmarködem, das nur in der MRT sichtbar ist.
Formen und Ursachen
Das Knochenmarködem wird in drei klinische Gruppen eingeteilt:
- Ischämisches Knochenmarködem – als Folge oder Begleiterkrankung anderer Knochenerkrankungen, zum Beispiel einer Osteonekrose, der Osteochondrosis dissecans, des Morbus Ahlbäck oder des chronisch regionalen Schmerzsyndroms (CRPS, früher Morbus Sudeck).
- Mechanisches Knochenmarködem – bedingt durch Prellungen (Kontusionen), Mikro- und Stressfrakturen, sogenannter „bone bruise“.
- Reaktives Knochenmarködem – als Folge von Arthrose oder Tumoren.
Sonderformen sind das Knochenmarködem im Oberschenkelknochen nach einer Schwangerschaft und die idiopathische Form ohne erkennbare Ursache.
Die genaue Entstehung ist bislang nicht geklärt. Diskutiert werden neurale (nervenbedingte), humorale (die Körperflüssigkeiten betreffende) und zirkulatorische (den Blutkreislauf betreffende) Ursachen. Eine wichtige Rolle spielen Osteoklasten – knochenabbauende Zellen, die im Knochen ein saures Milieu erzeugen können.
Diagnose
Häufig steht zunächst ein Röntgenbild, um andere Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden auszuschließen. Bei anhaltenden Schmerzen dient eine MRT-Untersuchung der weiteren Klärung; durch den gezielten Einsatz der MRT wird das Knochenmarködemsyndrom heute zunehmend erkannt. Mit der MRT lassen sich auch frühe Stadien erkennen und der Verlauf kontrollieren.
Wann kommt die HBO beim Knochenmarködem infrage?
Übliche konservative Ansätze sind Ruhigstellung, Entlastung der Gelenke sowie physikalische und medikamentöse Behandlung. Sie führen zum Teil zu keiner ausreichenden oder nur zu einer sehr langwierigen Ausheilung – mit langen Entlastungszeiten, Trainings- und Wettkampfpausen bei Sportlerinnen und Sportlern und langer Arbeitsunfähigkeit. Kommt es zu keiner ausreichenden Linderung der Beschwerden, kann die HBO zusätzlich eingesetzt werden. Zusammen mit Ihrem Arzt arbeitet der Druckkammer-Arzt ein abgestimmtes Behandlungsprogramm aus; vor Beginn stellt das Druckkammerzentrum in einem ausführlichen Anamnesegespräch fest, ob die Therapie für Sie geeignet ist. Gegenanzeigen und mögliche Nebenwirkungen beschreibt die Seite Risiken und Nebenwirkungen.
Wie wirkt die HBO beim Knochenmarködem?
Der genaue Wirkmechanismus der HBO beim Knochenmarködem ist nicht abschließend bekannt. Diskutiert werden
- der abschwellende (antiödematöse) Effekt,
- der entzündungsregulierende Effekt und
- der den Knochenstoffwechsel regulierende Effekt.
Ziel der Behandlung ist, den Druck im Knochen (intraossärer Druck) zu senken und damit die Schmerzen zu lindern; die Anregung der knochenab- und -aufbauenden Zellen soll die Knochenregeneration unterstützen. Weitere beschriebene Wirkungen der HBO am Knochen sind auf der Seite Aseptische Knochennekrose aufgeführt.
Studienlage
Für die Anwendung der HBO bei aseptischen Knochennekrosen und Knochenmarködemsyndromen nennt der VDD wissenschaftliche Studien verschiedener Evidenzklassen bis zur Klasse 1b, darunter eine Studie zur Hüftkopfnekrose (Camporesi und Vezzani, 2010).
Das Druckkammerzentrum Heidelberg hat die Behandlung des Knochenmarködemsyndroms und von Osteonekrosen an Kniegelenk und Sprungbein (Talus) in einer prospektiven Verlaufsstudie ausgewertet (von Reumont und Fabian, Stand 2011). Ausgewertet wurden 382 von insgesamt 570 dort behandelten orthopädischen Patientinnen und Patienten (Knie: 315, Talus: 67), mit einer MRT-Kontrolle drei Monate nach Therapiebeginn. Die Ergebnisse hingen deutlich vom Stadium der Erkrankung ab: In frühen Stadien wurden häufiger sehr gute Ergebnisse dokumentiert als in späten. Am Kniegelenk fielen die Ergebnisse in allen Stadien besser aus als am Talus. Für fortgeschrittene Stadien am Talus empfehlen die Autoren, frühzeitig an eine Kombination chirurgischer Maßnahmen mit begleitender HBO zu denken. Einzelheiten und Zahlen enthält das PDF unten.
Ablauf und Anzahl der Behandlungen
Die Behandlung erfolgt meist ambulant. Nach dem VDD-Flyer „Knochen“ (2016) findet sie in der Regel fünf- bis sechsmal pro Woche statt, je nach Vereinbarung, und dauert jeweils etwa zwei Stunden. Die Behandlung von Knochenödemen umfasst insgesamt 20 bis 40 Anwendungen. In der Heidelberger Auswertung lag die Zahl der Sitzungen im Median bei 25. Den Ablauf einer Sitzung beschreibt die Seite Behandlungsablauf.
Kosten
Private Krankenversicherungen und Beihilfestellen übernehmen die Behandlungskosten nach Angaben des VDD in der Regel; die Anträge werden vor Behandlungsbeginn über die Therapieeinrichtung gestellt. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur im Rahmen einer Einzelfallentscheidung. Die Kostenübernahme sollte deshalb vorab geklärt werden. Allgemeine Informationen finden Sie unter Kosten der HBO-Therapie; ein Druckkammerzentrum in Ihrer Nähe hilft bei Fragen zur Kostenübernahme.
Weitere Informationen und Downloads
- Osteonekrose – KMÖS – Heidelberger Studienergebnisse (12/2011)
- Patientenflyer „Knochenmarködem, Hüftkopfnekrose, Morbus Ahlbäck, Talus- und Fußwurzelnekrose, Osteochondrosis dissecans, Kiefer-Osteonekrose“ (VDD, 2016)
- Aseptische Knochennekrose (Morbus Ahlbäck, Hüftkopfnekrose)
- Übersicht: Knochen- und Knochenmarkerkrankungen
Quellen
- von Reumont J, Fabian A (Druckkammerzentrum Heidelberg): Die Behandlung des Knochenmarködemsyndroms (KMÖS) – Osteonekrose. Indikationen, Behandlungsstrategien und klinische Langzeitergebnisse 1999 bis 2011; Update 2011 und erstes 5-Jahres-Follow-up bei der Behandlung des KMÖS am Kniegelenk. Stand 15.11.2011 (PDF unter „Weitere Informationen und Downloads“).
- VDD-Patientenflyer „Knochenmarködem, Hüftkopfnekrose, Morbus Ahlbäck, Talus- und Fußwurzelnekrose, Osteochondrosis dissecans, Kiefer-Osteonekrose. Hyperbare Sauerstofftherapie“, 2016 (PDF unter „Weitere Informationen und Downloads“).
- VDD-Pressemitteilung „Gelenkschmerzen: Muss immer operiert werden?“, Traunstein, 19.12.2012.
- Camporesi EM, Vezzani G. Hyperbaric Oxygen Therapy in Femoral Head Necrosis. J Arthroplasty 2010; 25(6 Suppl.): 118–123. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20637561
